Roth über Pongratz

Peter Pongratz – Shakespeares Dramen in einem Wassertropfen

Die Überraschung in Peter Pongratz’ Bildern besteht in der Gleichzeitigkeit von Außen und Innen. Es ist ein logischer Schritt, das Sehen mit dem Wissen zu vereinen und beides zusammen mit dem Empfinden.

Manche Bilder vermitteln den Eindruck, als würde von einem improvisierten Musikstück die Mathematik der Noten sichtbar. Die Bilder sind »rein«. Sie zeigen eine BESSERE Welt, allerdings wie wenn sich ein Schiffbrüchiger damit begnügte, an ein Wrackteil geklammert dem Spiel der Wolken und des Sonnenlichts auf den Wellen zu folgen, ohne die Haie und die zähe Kälte des Wassers zu beachten.

Zugegeben, diese Haltung erscheint heroisch oder naiv – bei Pongratz kommt sie aus seinem eigensinnigen Wesen. Pongratz versucht das Schwierigste: die Schönheit des Lebens und der Erde sichtbar zu machen. Er vereinigt kaleidoskopisch die Bilderwelt der Biologie mit der Wahrnehmungswelt des Gehirnes, das Milchstraßengeflimmer am Nachthimmel mit den phosphorizierenden Pilzen unter dem Mikroskop, die Haut mit den geologischen Erdschichten, die winzigen Rädertierchen mit dem massigen Walfisch. Indem er ihre Größenverhältnisse mit rastellihafter Geschwindigkeit durcheinanderwirbelt, dokumentiert er, dass unsere erfasste, klassifizierte Welt nur das Standbild in einem langen, bewegten Film vom Lebenslauf des Universums ist.

Sein Anthropomorphismus ist radikal. Wie primitive Kulturen Naturerscheinungen anthropomorph deuten, deutet Pongratz die wissenschaftlich definierten Erscheinungen von der Welt in einem schöpferischen Akt anthropomorph um. Er malt das naturwissenschaftliche Bild von der Erde als Karikatur, Wahnwelt und Märchen. Er hat eine neue Sicht auf die Natur erfunden, in der ewige Fremdheit der Erscheinungen plötzlich aufgehoben ist – statt dessen zeigen diese ihre geheime Verwandtschaft miteinander. Sie sind nicht mehr in die Welt gezwungen, nicht mehr ein gesteuerter Bestandteil des äußeren Universums, sondern haben im Kopf des Malers und des Betrachters die Gesetze der Erdenschwere, der Zeit und der biologischen Entwicklung überwunden, sie haben ihr Biotop verlassen und gliedern sich beschwingt in eine neue Zusammenhangswelt ein.

Pongratz malt spielerisch sein »Paläontologisches Stilleben«, eine Vulkanlandschaft, unter der ein »chinesisch-gelber« Mikrokosmos von verschiedensten Nesseltieren und Protozoen wuchert, und lässt fast nebenbei erkennen, dass es eine universale Korrespondenz der Erscheinungsformen gibt. Die Welt ist zudem gletscherblauer geworden, krähenschwärzer, löwenzahngelber, paradeisroter, edelweißer. Pongratz malt einen Atlas der Innen- und Außenwelt, ein »schizophrenes« All-Lehrbuch, als hätten die Pflanzen selbst Graffiti gemalt oder sich selbst porträtiert. Die Seeigel haben zu malen begonnen, das Wasser hat sich fotografiert, das Gras hat Selbstabdrucke angefertigt. Diese wunderliche Alchemie könnte heißen: »Aus der geheimnisvollen Zeit.« Gäbe es keine Phantasie, wäre sie mithin erfunden, würde es keine Kindheit des Denkens geben, wir wüssten, wie sie aussieht.

Gerhard Roth