Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang.
Rainer Maria Rilke

Der Grenzgang eines Un(zu)gehörigen
Paul Ferstel

Grenzgang. Wieder einmal hat Peter Sengl, der für die phantasievollen Bezeichnungen seiner Arbeiten – oft monströse Wortgebilde oder kryptische Wortschöpfungen – bekannt ist, einen vieldeutigen Ausstellungstitel gewählt. Denn zunächst ist eine Ausstellung in der Steiermark für den 1945 in Unterbergla Geborenen, auch wenn er in Wien lebt, ja ein »Heimspiel«. Ein »Grenzgang« im eigentlichen, engen Wortsinn hingegen kann eine Ausstellung von Sengl-Arbeiten niemals sein: Dient ein solcher doch dazu, Grenzen zu kontrollieren oder Kenntnis über den Verlauf von Grenzen zu erhalten. Die in der Kunst übliche Leseart wäre demgemäß eine bewusste Suche nach Grenzen und deren Überschreitung – Provokation. Diese Kunst, die heute gemeinhin als Grenzgang wahrgenommen wird (werden will), reibt sich dann an gesellschaftlichen Werten, an Fragen der Moral, der Ästhetik, des Kunstmarktes. Wird dieser Gang an die Grenzen zum Selbstzweck, verliert er schnell an Relevanz und Nachhaltigkeit (und wird, wie die Künstlerin Mona Hahn anmerkt, eben jene Grenzen, Gesetze und Verbote, die er – scheinbar – überschreitet, eher stützen, bestätigen und letztlich überhöhen).

Davon ist Peter Sengl weit entfernt (um nicht zu sagen, er sei darüber erhaben). Nicht, weil seine Darstellungen nicht als provokant, hart, kalt oder kontroversiell empfunden würden, sondern weil er selbst – der erste und strengste Grenz-Wächter seiner Arbeiten – letztlich immer strenger ist, als es die diffusen Wertvorstellungen einer Öffentlichkeit je sein können. Sengl benötigt die Grenzen »der anderen« – der Öffentlichkeit, des Kunstbetriebes – nicht. Er forscht nach – und »gehorcht« – weit bedeutenderen Grenzziehungen. Inneren, dem Menschen ur-eigensten. Darin liegt die große Klugheit seiner Darstellungen, dass diese Menschen zu wissen scheinen, dass die Welt gleichzeitig Grenze ist – und unbedeutend.

Umso spannender wird diese, die Welt und ihre Bedeutung infrage stellende Sichtweise dadurch, dass Sengl es als einer der wenigen zeitgenössischen Künstler wagt, sich die Bildsprache der Medien und der Werbung zu Nutze zu machen – »real« zu sein im schlichtesten Sinn des Wortes, den »Zeitgeist« zu spiegeln.

Und dennoch (deshalb?): Wo Eindimensionalität als Vorteil gilt, kann Sengl nicht hingehören. Seine Arbeiten erlauben vielfältige Zugänge, Ansätze, Einstiege – die Kraft seiner Figuren, Farben, das Grafische an seinen Arbeiten sind verlockend. Daraus zu schließen, man habe damit auch schon alles »durchschaut«, entspräche der Erwartung, es sich in einer Fata Morgana gemütlich einzurichten. Typisch Sengl: Das »Plakative« erweist sich sofort als trügerisch, entschwindet, entzieht sich dem Zugriff. So vertraut einem diese Menschen und die Versatzstücke ihrer Lebenswelten zunächst auch erscheinen mögen: Kaum meint man, sie erkannt – zugeordnet, eingeordnet – zu haben, mutieren sie, wechseln das Gesicht, zeigen neue Aspekte. Konsequent verweigern sie sich der Entschlüsselung durch gelernte Codes. Nichts ist hier so, wie wir es erwarten würden. Der »rote Faden«, den wir vermeinten in der Hand zu haben, wechselt die Farbe, reißt. Selbst Träume helfen uns mit einer inneren Logik. Sengls Bilder nicht.

Vielleicht erklärt sich aus diesem speziellen Sengl-Blick auch ein Sengl-Phänomen: Obwohl der Künstler seit gut 35 Jahren eine konstante Größe im österreichischen Kunstschaffen darstellt und auch international zu den viel beachteten Malern seiner Generation zählt, hat das, was sich gemeinhin als »Kunstbetrieb« versteht, erstaunliche Berührungsängste mit ihm. Im überhitzten, schnellen, globalisierten und eventorientierten Markt der »Corporate-Kunst«, »Prestige-Kunst«, »Society-Kunst« verweigern sich Sengls Arbeiten einer Grundregel des Marketing: der klaren Zuordnung. Versucht man, diese Bildwelten zu verankern, zuzuordnen, einem -ismus zuzuschreiben, entzieht einem der Künstler schnell wieder den Boden unter den Füßen. Wer einfache Erklärungen erwartet, muss woanders suchen. Wer bereit ist, sich auf die Rätsel, den Facettenreichtum, die Wunder unserer vermeintlich so geordneten, gleichgeschalteten, durch-analysierten und typisierten Welt einzulassen, dem sind Sengls Schöpfungen die richtigen Partner.

Ich glaube, die einzige Moral, die uns bleibt, ist die Moral der Schönheit. Ohne die Schönheit würde es sich nicht mehr lohnen zu leben.
Bernard-Marie Koltes