28. April 2007
 
Salzburger Nachrichten

Atlas der Stille

Ein goldenes Blatt, von Eis umschlossen. Der im Sonntagsgewand aufgebahrte Altbauer. Zwei Burschen, promilleträchtig, im verbalen und handfesten Clinch. Eingetrocknete Kröten auf der Landstraße, geheimnisvolles Helldunkelgeklimper an der Hauswand. So sieht sie aus, die Welt, die der Autor Gerhard Roth in den vergangenen drei Jahrzehnten in der Südweststeiermark mit seiner Kamera festgehalten hat. Über zehntausend Bilder sind entstanden, eine Auswahl der Dokumente einer untergehenden dörflichen Welt sind in der seit heute, Samstag, geöffneten Ausstellung »Atlas der Stille« im Kulturhaus St. Ulrich im Greith sowie im gleichnamigen Buch (Christian Brandstätter Verlag) zu sehen. (…)

Fotos als Wahrnehmungsprotokolle, als Zeugnisse der Vergänglichkeit: Die mit Faschingslarven spielenden Kinder sind erwachsen, die aufgeschnittenen Fische längst verspeist, die Hagelkörner zerronnen, die Narben vom blutigen Arbeitsunfall verheilt. Gerhard Roth ist ein Chronist, der vom Werden und Vergehen berichtet. Auf spektakulär unspektakuläre Art. Seine »Land-Fotos« sind sinnliche Mitbringsel einer penibel durchgeführten Expedition ins tiefe Österreich. Protokolle des Sehens, die Lebensgeschichten aus dem Alltag vermitteln. (…)

Martin Behr