4. Juli 2003
 
Leibnitz Aktuell

Der Niebelunge vom Albertinaplatz

Hrdlicka-Retrospektive in St. Ulrich im Greith: Der Niebelunge vom Albertinaplatz

Alfred Hrdlicka im Greith-Haus in St. Ulrich im Greith. Eine umfassende Retrospektive des mittlerweile 75-jährigen als Zeichner, Graphiker und Bildhauer, des gleichermaßen anerkannten wie umstrittenen Wutmenschen in unserer fragilen Idylle. Da werden wohl einige Wogen hochgehen… Es ist bewundernswert, wie das Greith-Haus die Balance zwischen einerseits regionaler und lokaler Kultur und andererseits international renommierten Aushängeschildern schupft.

Warum schaffen das so wenige andere Institutionen? Weil Stammtische und andere Mini-Grüppchen in kollektiver Blindheit jede nüchterne Einschätzung des Stellenwertes von Kunst und Künstlern unmöglich machen.

Was soll man über Hrdlicka noch groß sagen – das Werk ist jedem halbwegs Interessierten bekannt, die diversen Auseinandersetzungen sind allgemein in Erinnerung.

Politische Atmosphäre

Wer allerdings jetzt erst neugierig wird, der findet eine Ausstellung, die mehr als nur einen guten Einblick in Hrdlickas Schaffen gibt, die auch die politische Atmosphäre, in der die verschiedenen Arbeiten entstanden sind, noch einmal spüren lässt.

Da sind beispielsweise die Radierungen der »Wiener-Blut-Serie« aus den frühen Siebzigern, Hrdlickas (auch) satirische Auseinandersetzung mit dem Pornographie-Verbot gegen eine bigotte sexualfeindliche kirchlich geprägte öffentliche Doppelmoral. Jüngere Geschichte schwappt ins Haus, begann doch ziemlich genau um diese Zeit wiederum der Kampf der Emanzipationsbewegung gegen die Pornographie als Instrument männlicher Unterdrückung durch die Darstellung der Frau als verfügbares Objekt. Kämpfe und Siege, die Kollegen Pyrrhos und Sisyphos streiten immer noch um die Strategie…

Ernst Hilger spricht im Begleittext von der »politischen Aussagekraft und Wirkung« Hrdlickas, er ist als Galerist Partei, da ist etwas Wunschdenken genehmigt. Man hat Hrdlicka einerseits als sozialistischen Realisten abqualifiziert, ihn andererseits bewusst diffamierend mit Arno Breker verglichen, seine Positionen im öffentlichen Diskurs waren mitunter etwas fragwürdig. Zumindest sein Können ist jedoch nie in Zweifel gezogen worden und wird in der Ausstellung eindrucksvoll bestätigt. Was ist das nur, woher rührt dieser unerlöste, fast pubertäre und gewalttätige Hass, der sich durch seine Arbeiten zieht? Dort, dieser von Kriemhild enthauptete Hagen, das ist ja wohl ein Selbstportrait, und finster-getrieben wie der Tronjer wirkt auch Hrdlicka auf mich…

Hut ab vor dem Mut der Veranstalter: Es wird von verschiedenen Seiten Schläge oder auch nur Nadelstiche geben – ja, derf ma denn das zeigen? Und die Kinder? Und überhaupt!

Die Ausnutzung des räumlichen Charakters

Ach, und fast hätt’ ich es vergessen zu erzählen: Die Ausstellung ist hervorragend gestaltet (alles andere als eine Selbstverständlichkeit in unseren Breiten!), nimmt den Auditoriumscharakter des Raumes als Chance, persifliert ihn beinahe, indem sie dem gewaltigen Antikenporno II (8,20 mal 5,17 Meter) an der Stirnseite die Serien und kleineren Arbeiten quasi als Hörer und Assisten zur Seite und gegenüberstellt, auf der Terrasse Bronzen als kleiner Skulpturenpark.

Die Alfred-Hrdlicka-Retrospektive im Greith-Haus ist durchwegs schön gemacht und noch bis zum 10. August jeweils Mittwoch bis Sonntag in der Zeit von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Ein Besuch ist dringend zu empfehlen.

Ronnie Herbolzheimer