10. Juni 2001
 
Kleine Zeitung

Dürfen Sünder nicht in die Kirche

Wo Hermann Nitsch hinkommt, besteht immer wieder die Gefahr von Aufruhr und Ablehnung. Nitsch so im weststeirischen St. Ulrich/Greith.

(…) Nitsch selbst sitzt inzwischen, wie immer schwarz gewandet und den Hut – wie es sich in der Kirche gehört – neben sich, an der Orgel. Die Kirche ist voll konzentrierter Menschen, die der Orgelkomposition des Aktionisten lauschen. Mit langen Haltetönen und Clustern (ein Assistent hilft mit Holzleisten beim Niederhalten der Tasten) kostet er Klangfülle und Klangfarben der Orgel aus, erzeugt eine meditative Stimmung, die manchmal an Sturmbrausen oder Meeresrauschen erinnert und aus der nach und nach wieder einzelne Klänge emporsteigen. Um acht Uhr mischen sich die Kirchenglocken idyllisch ins Orgelwerk. Danach geht es ins gegenüberliegende Kulturhaus zur Ausstellungseröffnung. Nitsch verweist auf Bücher, die seine umfangreiche Arbeit ausreichend erläutern, erklärt dann aber doch sein »Lebens- und Existenzfest«. »Alles was zum Leben gehört, soll gezeigt werden. Das Tragische, das Ekstatische, der Schmerz«. Dann dankt er bescheiden Bürgermeister und Pfarrer. Kein Spektakel. Man freut sich, »dass der Nitsch da ist« und der Bürgermeister betont, dass »in der Kunst alles Platz haben soll«. In St. Ulrich ist das keine bloße Floskel.

Eva Maria Schulz/Walter Titz