22. Oktober 2003
 
Leibnitz Aktuell

Eine Nacht voll Literatur und ein Haus voll Kultur

»Literarische Nacht«, soll heißen: draußen herbstelt es frostig, drinnen liest eine Schriftstellerin – Angela Krauß – aus ihrem Werk, ein Schauspieler, eine Schauspielerin bringen Publikumsfreundliches (aber durchaus nicht plumpes) ihrer Lieblingsautoren, dazwischen gibt es ein paar Chansons. Anheimelnd.

Gelegentlich höre ich ein leises Murren von Veranstaltern, wir würden zu oft von den Aktivitäten im Greith-Haus berichten. Tja, die machen halt einfach ein verdammt gutes, durchdachtes Programm dort, das könntet Ihr ja auch tun… Lieber weiter murren, wie? Gut, und wir berichten weiter von den St. Ulrichern!

So etwa von einem Abend mit Angela Krauß, Wolfram Berger und Monique Schwitter. Die Leipzigerin Krauß war 1990/91 Stadtschreiberin in Graz und hat Steiermark-Bezug. In ihrem Roman »Weggeküßt« treibt sie ein altes, aber immer wieder interessantes Spiel: Sie beobachtet ihre Ich-Erzählerin beim Beobachten. Ein Tango mit Descartes: Ich beobachte, also ist – die Beobachtung. Dann interpretiere ich, ungerecht, launisch und mit Laune, also bin ich. Ein Satz hat sich mir besonders eingeprägt: »So lange ich denken kann, erwache ich morgens in einer Welt, die auf mich wartet« – ausgesprochen zu einem Zeitpunkt, als dieser Satz nicht mehr stimmt, als sie dieser vermeintlichen Sicherheit verlustig gegangen ist. Ein makabres Gefühl, das so oder ähnlich wohl jeder kennt, von da an ist der Mensch schon beinahe erwachsen.

Dann Wolfram Berger, in Programm und Ansage als ein »Universalgenie« angepriesen. Müsst Ihr immer so hoch greifen? Da Vinci war ein Universalgenie, vielleicht Goethe. Berger tummelt sich mit viel Talent, viel Können und viel wacher Neugier in vielen Bereichen, ist das nicht genug? Er liest Blaise Cendrars, will diesem »ein Denkmal setzen«. Am prächtigsten gelingt ihm das bei »Madame Therese«, der Erzählung über eine alte Theaterdiva. Berger gehört zu der Generation von Schauspielern, die bei Lesungen versucht, möglichst unschauspielerisch zu wirken – also Schauspielern, die Nicht-Schauspieler spielen. Nun liest er also mit gespielt wenig Schauspielerei über eine Schauspielerin, die in einer Szene mit viel Schauspielerei einen Villon-Text bringt, was er wiederum spielt – könnt Ihr noch folgen? Das rast wie eine Achterbahn durch die verschiedenen Identitätsebenen. Zum Mitnachhausenehmen die Definition von uns Kritikern als »andere Sorte schlappschwänziger Greise«, ja, mei – durchschaut! Zum Küssen, wie er die Selbstbespiegelung der Aktrice in der Schaufensterscheibe einer Fleischhauerei mit all den »geköpften Kalbsköpfen« zelebriert, die Frau ihre Artikulationsübungen mit und ohne Gebiss machen lässt. Er gibt dem Affen Zucker, und wir nehmen dankend an.

Monique Schwitter macht aus ihrem Auftritt fast schon eine Performance: Sie hat ihre Textblätter spiralreihig um ihren Sessel ausgelegt. Es sieht fast so aus wie diese Tanzschrittanleitungen in alten Büchern. Sie bringt »Stilübungen« von Raymond Queneau, Variationen über einen detailreichen Minitext, jeder Schreiber, der sein Handwerk liebt, hat so etwas schon einmal gemacht. Für den Schauspieler ist es ein dankbarer Auftrag, kann er doch selber seine Stilübungen machen, Register ziehen, Text und Interpret arbeiten Hand in Hand, Abwechslungsreichtum wird automatisch mitgeliefert. Schwitter tuts mit Lust, sehr sympathisch, leichtfüßig durch die Genres tänzeln. Da folgt eine gestammelte Selbstbefragung auf ein verbales Bebop-Staccato, da schillert Dada und trillert Gaga, da kommen Knüttelreime und freie Verse, da knarzt ein Erinnerungsbuchhalter seine Ziffern, plärrt der Bordcomputer von Raumschiff Enterprise, ein verzagter Schreiberling jammert kokett, ein Alliterationsvirtuose produziert l’art pour l’arsch… Mädchen, komm’ bald wieder! Oder bleib’ gleich da – schließlich liefert das Greith-Haus nächstes Jahr ein Programm, bei dem dir sicher nicht langweilig wird.

Ronnie Herbolzheimer