12. Juli 2002
 
Die Presse

Fixiert: Spoerri bleibt sich treu

Alles begann in No. 13, auf zwölf Quadratmeter. In einem engen, angerammelten Hotelzimmerchen in Paris, im »Carcassonne«, 24 Rue Mouffetard. Dort hauste Daniel Spoerri Anfang der sechziger Jahre, damals noch eher Ballett-Tänzer als »Fallensteller«, heute Altmeister und lebendes Relikt des von ihm mitbegründeten »Nouveau Realisme«, Restaurantbesitzer und italophiler Bonvivant.

Doch in dem kleinen Chambre No. 13 entwickelte er für die damalige Kunst Bahnbrechendes: Er klebte von ihm erjagte und vorgefundene Alltagsgegenstände auf Tischplatten, Holzbretter, in Schubladen und hängte diese wunderlichen Ansammlungen an die Wand – voila, das »Fallenbild« war geboren, einfach, aber genial, in jeder jüngeren Kunstgeschichte verzeichnet.

Als Freund Tinguelys, Dieter Roths, Meret Oppenheims prägte er die damalige Künstler-Szene, seine Anekdoten, die er heute umringt von Bewunderern gerne ein wenig selbstverliebt zum Besten gibt, lassen die Zeit, als Provokation in der Kunst noch funktionierte, wieder aufleben.

Heute ist man gesättigt. Auch gesättigt von Spoerris Fallenbildern, seiner Eat-Art und vom »Nouveau Realisme«, der das Abbild verweigerte und den Alltag ins Museum brachte. Die Rezepte haben sich geändert, wer da nicht mitmischt, wirkt schnell verstaubt. So glänzen Spoerris Arbeiten der letzten Jahre nicht gerade durch neue Einfälle. Er bleibt seiner Schiene treu, sammelt, arrangiert, fixiert.

Zur Zeit sind fast 30 Werke Spoerris an einem überraschenden Ort materialisiert: in der Südsteiermark, im Kunsthaus St. Ulrich im Greith, das – in dem Umfeld fast futuristisch anmutend – vor drei Jahren von Szyszkowitz+Kowalski aus Glas, Holz, Ziegeln errichtet wurde. Neben teils kitschigen, teils angenehm unangenehm berührenden Collagen und Setzkästen jüngeren Datums, finden sich auch ältere »Detrompe-l’oeils«, in denen der Schweizer optische Täuschungen mit ironischen Zutaten enttarnt hat.

Herzstück der Schau, die Daniel Spoerris Kurator Pavel Schmidt zusammengestellt hat, ist das 1998 maßstabsgetreu rekonstruierte »Chambre No. 13«, die Keimzelle von Spoerris Kunst. Erstmals ist es in Österreich zu sehen – und bietet auch eine neue Sichtweise: Von der Kunsthaus-Galerie kann man aus der Vogelperspektive in das Zimmer blicken, das ein eigenes Museum für sich darstellt.

Alles hat der junge Künstler damals hier fixiert und teilweise aufgehängt – das Frühstück seiner Freundin, sein eigenes Mahl, Werkzeugkisten. Regale, Wände, alle Flächen sind vollgeklebt mit skurrilen Fundobjekten. Hier spürt man noch den Hauch des von seiner Idee Besessenen. Warum er diese herrlich dichte Wunderkammer in Bronze gießen und in seinen italienischen Skulpturenpark integrieren mußte, kann man ihn am 21. Juli in Greith selber fragen. Denn dort wird um elf Uhr der Besuch des Objekt-Fürsten himself erwartet.

Almuth Spiegler