Januar 2005
 
Leibnitz Aktuell

Hinter Hügeln rockt der Jazz

Ja, mei – die St. Ulricher! Da (greith-)hausen sie hinter den sieben Bergen, naja: sieben Hügeln und schaffen es doch jedes Mal, ihr für hiesige Verhältnisse ultramodernes Kulturzentrum (merke: Zeitgenössische Architektur am Land geht nicht!) mit Zeitgenössischem aller Genres (merke: Moderne Kunst am Land geht überhaupt nicht!) bis zum letzten Platz auszuverkaufen!

Diesmal also: »The Fool Cool Jazz Orchestra«, junge Musiker aus Slowenien, Kroatien, Serbien, Montenegro, Österreich, eine Bigband, die seit vier Jahren existiert, Arrangements ihres Leiters Izidor Leitinger spielt, der auch die Kompositionen des derzeitigen Gast-Solisten, des holländischen Trompeters Eric Vloeimans für das Ensemble adaptiert hat. Wie klingt’s? Verblüffend. Dass Musiker aus dem ehemaligen Jugoslawien hervorragende Rhythmiker sind, ist man ja gewohnt, und das wird hier in allen Schattierungen demonstriert – die Rhythmusgruppe ist riesig: Bass, Schlagzeug, Gitarre, Klavier plus elektronische Keyboards sowie bis zu vier(!) Percussionisten, dementsprechend wenig klassischer Swing, und wenn: als Zitat, viel Afro- und Latinfeuerwerk, der 13-köpfige Bläsersatz kommt etwas zu kurz, wird vor allem für ein breites Spektrum von immer wieder überraschenden Klangfarben und die vorbildliche Dynamik genutzt. Spielfreude, die sich auf das Publikum überträgt, ich hab sogar ein paar Oberkörper schwingen, ein paar Füße zucken, ein paar Hüften kreisen sehen. Im Sitzen! In der Südsteiermark! Ich schwör’s! Der Eindruck: Jazzrock ist wieder da, nein, nicht »wieder« – es gibt hier keinerlei Reminiszenzen an Blood, Sweat & Tears oder Chicago, eine neue Generation, aufgewachsen mit Rock und allerhand Weltmusik, erobert sich die Spieltechniken und Klangmöglichkeiten des Jazz. Das einzige, was hier nostalgisch wirkte, waren Eric Vloeimans’ Hemd und Hose. Lila und gelb, zum Erblinden schön, wo bekommt man heute so etwas noch ohne Rezept? Damit hätte er auch in San Francisco 1967 Furore gemacht! Mit seiner Trompete dagegen überall und zu jeder Zeit: Lyrisch leicht, geradezu gesanglich flüssig, intensiv, aber unaufdringlich, sogar wenn er »growlt«, zum Schluss hin gibt er dem Affen ein paar Zuckerl, lässt ein bissl Akrobatik raus – soll sein! Seine Kompositionen und die von Leitinger? Dem Vergleich mit »Norwegian wood« und »It ain’t necessarily so«, den beiden Standards im Programm, halten sie nicht Stand, sie sind wirklich in erster Linie als Boden für Soli und Arrangement gemacht/gedacht, »Fleckchen im Sönnchen« hätte Tucholsky gesagt.

Den Abend eröffnete eine Konzertreihe unter dem Motto »Jazz und Brass«, die sich den verschiedenen Facetten der Blechinstrumente widmet.

Ronnie Herbolzheimer